Zur alten Eiche | IHK Magazin 11/2016

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Zur alten Eiche

In Rosenheim hat Werner Leuthe den Wert historischer Hölzer erkannt. Er kauft altes Eichenholz und verwandelt es in einen Rohstoff für edle Interieurs.

Die Blockbandsäge bewegt sich waagerecht durch den schwarzgrauen Balken, durch die Wunden der Jahrhunderte, die Löcher und Risse, die Spuren von Nägeln, Äxten, Holzwürmern und Schrotkugeln. Gerade so will Werner Leuthe seine Bretter haben, aus denen exklusive Fußböden werden sollen, Möbel und Wandverkleidungen. Die Risse schließt er auf Wunsch mit Kitt, der mit Gold- oder Silbernote zu haben ist. Selbst bei den alten Bodendielen darf die Schleifmaschine nicht recht ran. Leuthe will die Patina erhalten, die Pfützen und Flecken und die Wellen, die Schuhe und Pantinen rund um die härteren Ansätze der Äste gelaufen haben. 

„Früher wollten die Kunden perfekt gleichmäßige Böden, glatt, fehlerfrei“, sagt Meister Leuthe. „Heute wünschen sich viele die Lebendigkeit von altem Holz, und ich glaube fast, sie ziehen ihre Energie daraus. Meist sind diese Kunden ziemlich erfolgreiche Menschen, die dann noch mehr Erfolg haben.“

Leuthe, gelernter Parkettleger, weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Augsburger verließ nach der Lehre den väterlichen Verlegebetrieb und baute das gleiche Geschäft in Rosenheim selbst auf: 30 Jahre lang Böden legen – mit 15 Mitarbeitern, zehn Subunternehmern und 2,5 Millionen Euro Jahresumsatz. Das war anstrengend und unternehmerisch fordernd. 2009 schloss er die Werkstatt, verkaufte den Firmennamen und die Kundenkartei. Exklusive Raumgestaltung aus Altholz, genauer aus alter Eiche, sollte von nun an sein Geschäft sein. Schon vorher hatte er das als Hobby betrieben. 

„Ich habe viel Lehrgeld bezahlt“, räumt der 55-Jährige ein, heute alleiniger Inhaber und Geschäftsführer der Old Oak GmbH in Rosenheim. Die seriösen Anbieter unter den Altholzhändlern zu finden, die guten Betriebe unter den Trockenöfenbetreibern, Sägewerken und Lohnfertigern in der Region, aber auch im östlichen Ausland – das war nicht  einfach.

Was Leuthe aber von Anfang an besaß, waren viel Wissen über Holz, ein guter Name und seine Kontakte zu Architekten, Schreinern und prominenten  Bauherren. So kann er mit einigen spektakulären Referenzen aufwarten und beziffert den Jahresumsatz seiner neuen Firma auf 500 000 Euro. Leuthe schneidet die alten Eichenbohlen in fünf Millimeter dicke Scheiben, macht sie mit neuem Unterbau zu dreifach verleimten Fußbodenbrettern. So kann er sich
über eine hohe Ausbeute freuen. Da er Gebrauchtes wiederverwendet, und zwar einen mindestens 100 Jahre alten Rohstoff aus schadstoffarmen Zeiten, sieht er auch sein ökologisches Gewissen beruhigt. Leuthe fühlt sich als stolzer Vertreter regionaler Kultur, sitzt er doch im traditionsreichen Holzzentrum Rosenheim, wo man Holztechnik sogar studieren kann. 

Überraschenderweise ist aber das Eichenholz, das er bearbeitet, gar nicht von hier. Natürlich stehen auch in  Oberbayern riesige alte Eichen. Man kennt sie als Solitäre in der Landschaft, als Wegmarken und Schutzpflanzungen am Rande großer Nadelwälder. Doch als Baumaterial hat die Eiche hier keine Tradition. Auf den kargen Böden wuchsen Fichte und Weißtanne in Mengen und mit den gewünschten dichten Jahresringen. Für Bauernhäuser, Scheunen und Stadel nahm man gewiss nicht die kostbare Eiche her. 

So muss Leuthe seine Quellen im Norden und Osten suchen. Im Spessart, im Raum Bremen, in Slowenien und Kroatien. Dort wuchsen riesige Eichenwälder heran. Und natürlich verwendeten die Menschen in vorindustrieller Zeit den Rohstoff vor ihrer Haustür für Häuser, Möbel und Arbeitsgeräte. Bis zu 300 Jahre alte Weinpressen aus Slowenien, 50 Zentimeter dick, teils mit eingravierter Jahreszahl, zeugen von dieser Vergangenheit; sie liegen dekorativ vor der Tür von Leuthes Showroom in einem ruhigen Rosenheimer Wohnviertel. 

Das alte Holz ist begehrt 

Das Material hat seinen Markt. Fachwerkbauten, Blockhäuser, Scheunen – wer immer etwas Derartiges abreißen will, hat schnell die Altholzhändler vor der Tür.
Doch das Angebot ist endlich. Auf 20 000 bis 50 000 Kubikmeter schätzt Leuthe die Vorräte an altem Eichenholz in Europa. Am liebsten würde er sie zusammen mit Investoren für sieben bis acht Millionen Euro komplett aufkaufen und in  einem alten Basaltwerk lagern. Noch sucht er nach Geldgebern. 

Als Spekulant fühlt Leuthe sich trotzdem nicht. Ob er nicht gerade bei den östlichen Nachbarn Zeugnisse historischer Baukultur unwiederbringlich zerstören hilft, bevor die betreffenden Gemeinwesen deren Wert für sich entdecken können? „In den Häusern, die wir abreißen, wollen auch die Ärmsten nicht mehr wohnen“, ist Leuthe überzeugt. „Und wenn das Dach undicht ist, gehen die schönen Balken schnell vor die Hunde.“ 

Bei Leuthe entstehen aus dem gebrauchten Holz edle Fußböden für 200 bis 300
Euro pro Quadratmeter oder mehrere 1000 Euro teure Tische mit Stahlunterbau.
Die Aura des Alten ist Programm: „Die Kunden möchten schon gerne wissen, woher das Holz genau kommt, wann es wohl gefällt wurde, wozu es  vorher gedient hat“, erzählt Leuthe. Auf Wunsch lässt er es sogar wie ein Archäologe mit der C14-Methode datieren und stellt entsprechende Zertifikate aus.

So bekommt das alte Kapitänshaus auf Sylt einen stimmungsvollen Bodenbelag
aus Bayern und die Prominentenvilla in Potsdam auch. Ob bäuerlich, in  Fischgrät oder à la Versailler Tafelparkett, ob gewachst oder geölt. „Man spürt die Wärme“, schwärmt Johann Lafer, Chef- und Fernsehkoch, im Old-Oak-Firmenvideo über seinen neuen alten Boden – das hat wohl mit der Energie der Jahrhunderte zu tun.